Der gesellschaftliche Nutzen der Verkehrswende wird zu ihrem Treiber.

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In den vergangenen Jahrzehnten wurde auf vielfältige Weise versucht, das Verkehrssystem zum Nutzen der Gesellschaft aus- und umzubauen. Es wurden Straßen und Schienenwege gebaut, Lärmschutzwände errichtet, Emissionsstandards geschaffen und zum Schutz von Insassen wie von nichtmotorisierten Verkehrsteilnehmern Sicherheitsnormen im Fahrzeugbau verschärft. Die gesellschaftlich unerwünschten Folgen des Verkehrs sind dennoch nicht im erhofften Ausmaß gesunken: Mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung fühlt sich von Straßenverkehrslärm gestört oder belästigt.185 Die Emissionen des Straßenverkehrs führen vielerorts zu Schadstoffkonzentrationen jenseits gesetzlich vorgeschriebener Grenzwerte. Verkehrswege stellen für viele Pflanzen- und Tierarten in wachsendem Umfang Barrieren dar, die ihre Lebensräume zerteilen, verkleinern und fragmentieren. Und die Zahl der polizeilich erfassten Verkehrsunfälle war im Jahr 2015 so hoch wie nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.186

Aktuell steht der Verkehrssektor zusätzlich auf dem Prüfstand, weil er im vergangenen Vierteljahrhundert per saldo keinen Beitrag dazu geleistet hat, Deutschlands Treibhausgasemissionen zu senken. Dafür gibt es viele Gründe, ein Ursachenkomplex aber ist besonders wichtig: Es gibt Millionen Verursacher dieser Emissionen, was die Verantwortung jedes Einzelnen subjektiv schmälert. Hinzu kommt, dass die Folgen der Erderwärmung für den Einzelnen schwer erkennbar oder erst in einer als fern empfundenen Zukunft vorstellbar sind, sich jedenfalls heute allenfalls in fernen Regionen manifestieren. Das schmälert die Akzeptanz der Klimaschutzpolitik.

Allerdings stiftet sie jenseits des reinen Klimaschutzes auf vielfältige Weise Nutzen, der individuell und sozial schon kurzfristig wahrnehmbar ist und sich zum Teil sogar messen lässt. Dieser Nutzen wird in wachsendem Maße zu einer Triebkraft der Verkehrswende. Sie ist mehr als ein Verkehrs- oder Klimaschutzprojekt.


185. UBA (2017c)
186. Destatis (2016d)

  • Die Verkehrswende hat einen Mehrwert über den Klimaschutz hinaus.

    Emissionsarme Fahrzeuge verbessern die Qualität der Luft und schonen die Gesundheit der Menschen. Fahrzeuge mit Elektromotor sind bei Geschwindigkeiten bis 30 Stundenkilometer, was in Städten häufig der tatsächlich gefahrenen Durchschnittsgeschwindigkeit entspricht, deutlich leiser als solche mit Verbrennungsmotor. Weniger Lärm bedeutet weniger Stress, mit der sinkenden Lärmbelastung sinken folglich auch deren negative Langzeitfolgen, zum Beispiel Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Weil einkommensschwache Bevölkerungsgruppen den negativen Folgen des Verkehrs überproportional ausgesetzt sind, trägt die Reduzierung der Lärm- und Schadstoffemissionen zusätzlich zu mehr Umweltgerechtigkeit bei.

    Aktiv, also mit dem Rad- oder zu Fuß unterwegs zu sein, hat sogar ausgesprochen positive Gesundheitseffekte – sofern für Sicherheit gesorgt wird. Breite Gehwege und Fahrradspuren in zusammenhängenden Wegenetzen fördern die Nahmobilität und machen Alternativen zum Pkw zusehends attraktiver. Dabei erhöhen geringere Geschwindigkeiten nicht nur die Sicherheit, sie fördern auch das Miteinander in Städten.

    Bessere Luft, weniger Lärm und mehr Bewegung: Die Verkehrswende hat nicht nur positive Folgen für die Gesundheit jedes Einzelnen, sondern wirkt sich auch stabilisierend auf die Gesundheitsausgaben und Krankenkassenbeiträge aus. Laut einer Studie der American Lung Association für zehn US-Bundesstaaten würde allein die weitreichende Marktdurchdringung mit Elektroautos im Jahr 2030 Einsparungen in Höhe von 13 Mrd. US-Dollar durch vermiedene Gesundheitskosten und krankheitsbedingte Arbeitsausfälle erzielen.187 Ähnliche Untersuchungen würden auch der hiesigen Verkehrswende-Debatte neue Impulse verleihen.

    Weniger Gestank, weniger Lärm und mehr Verkehrssicherheit auf Straßen, Plätzen und in Wohnquartieren sorgen für eine bessere Aufenthaltsqualität. Das kann sich positiv auf die Teilhabe der Zivilgesellschaft am städtischen Leben auswirken. Darüber hinaus entlastet der durch die Verknüpfung verschiedener Verkehrsmittel im Rahmen des Mobilitätsverbundes ermöglichte Verzicht auf eigene Pkw den Einzelnen nicht nur von den Kosten für die Fahrzeugwartung, sondern vor allem von den extrem hohen Fixkosten des Pkw-Besitzes. In Carsharing-Flotten ist man immer in neuen Fahrzeugmodellen unterwegs.

    Die Zurückgewinnung urbanen Lebensraumes, der bisher oft durch parkende Fahrzeuge und durch Parksuchverkehr beansprucht wird, ist ein Faktor, der die Attraktivität des öffentlichen Raums und das subjektive Wohlbefinden seiner Nutzer verbessert. Die Verkehrswende macht aus Abstellflächen für Fahrzeuge wieder Lebensraum von Stadtbewohnern. In- und außerhalb von Städten kann weniger Verkehr ferner nicht nur dem Menschen, sondern auch der „Natur“ wieder etwas mehr zu ihrem Recht verhelfen. 94 Prozent der Bevölkerung sind der Meinung, dass die Natur zu einem guten Leben dazugehört.188

    Schließlich nutzt die Verkehrswende der Wirtschaft. Je weniger Mineralöl der Verkehr nachfragt, desto ­besser sind möglicherweise wieder steigende Ölpreise zu verkraften. Darüber hinaus sorgt die Verkehrswende für wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit, mehr als eine Blockade des unvermeidlichen Strukturwandels es täte. Verglichen damit sichert die Verkehrswende Arbeitsplätze.


    187. Holmes-Gen, B.; Barrett, W. (2016)
    188. BMUB, BfN (2016), S. 62

  • Diskurs fördert Akzeptanz.

    Die Logik spricht dafür, dass der jenseits des Klimaschutzes entstehende Nutzen der Verkehrswende ihre Akzeptanz steigert. Schließlich manifestiert sich ihr Mehrwert bei vielen gesellschaftlichen Akteuren:

    • Beim Staat wegen der Aussicht, die Sicherheit der Bevölkerung zu erhöhen, die Gesundheitsausgaben zu stabilisieren und das Vertrauen in staatliche Vorhaben zu stärken.
    • Bei den Kommunen wegen der Chance, ihre Planungs­hoheit besser ausüben zu können und als Wohn- und Arbeitsort attraktiver zu werden.
    • Bei der Wirtschaft wegen der Erkenntnis, dass die Gestaltung des Strukturwandels mehr Chancen und Gewinne bietet, als zum Getriebenen des Strukturwandels zu werden.
    • Und schließlich bei jedem Einzelnen, weil Mobilität stressfreier, ungefährlicher und gesünder wird.

    Der vielfältige Nutzen eines Vorhabens schlägt sich allerdings nicht automatisch in Akzeptanz und politischer Unterstützung nieder. Nichts hat das so deutlich gezeigt wie einst der Widerstand gegen die Einführung der Gurtpflicht. Obwohl schon in den 1970er Jahren eine große Mehrheit der Bevölkerung den Sicherheitsgurt „für ein notwendiges, da sinnvolles aktives Rückhaltesystem“ hielt, entwickelte sich unter Autofahrern eine tiefe Aversion gegen das Anschnallen. Vom Bundesverkehrsministerium beauftragte Psychologen attestierten den Gegnern des Gurtes sogar „Bereitschaft zu kämpferischen Auseinandersetzungen“.189

    Inzwischen ist das Anschnallen längst zu einer Routine­handlung geworden, da es nachweislich massiv zur Rettung von Menschenleben beiträgt und dieser Nutzen im gesellschaftlichen Bewusstsein verankert ist.

    Das Beispiel zeigt, welche Herausforderungen auch mit der Verkehrswende verbunden sein können. Akzeptanz lässt sich weder verordnen noch durch Überredung schaffen. Sie ist durch aufgeklärten, rationalen Diskurs zu erarbeiten, und zwar von der ganzen Gesellschaft.


    189. SPON (2010)

  • Die Verkehrswende ist ein Gemeinschaftswerk.

    Die Ethik-Kommission, 2011 nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima auf Initiative der Bundeskanzlerin ins Leben gerufen, ließ sich in ihrem Bericht über Deutschlands Energiewende vor allem von einem Gedanken leiten: dass die Energiewende „nur mit einer gemeinsamen Anstrengung auf allen Ebenen der Politik, der Wirtschaft und der Gesellschaft gelingen wird“. Mehr noch als für die Wende im Stromsektor gilt dies für die Verkehrswende, die Alltagsroutinen von Millionen Menschen betrifft. Erfolgreich sein kann sie nur, wenn alle mitmachen: Parlamente, Regierungen, Bürgerinnen und Bürger. Dieser Prozess bedarf der Organisation – auf nationaler, aber auch auf kommunaler und europäischer Ebene.

    Die Verkehrswende beschreibt einen Transformationsprozess, der mehrere Jahrzehnte beanspruchen wird. Dafür braucht es einen verlässlichen Rahmen, der nicht nach jeder Wahl grundsätzlich zur Debatte gestellt wird. Stop and go wäre Gift für die Wirtschaft, die ­langfristig tragfähige Investitionsentscheidungen nur auf der Basis kalkulierbarer Rahmenbedingungen treffen kann; es würde zudem all jene verunsichern, die angefangen haben, ihr Verkehrsverhalten den neuen Zeiten anzupassen – und dann wieder „zurückgepfiffen“ werden. Deshalb sollte die Politik mit hoher Priorität und großer Verbindlichkeit klar machen, wohin die Reise geht.

    Die Ethik-Kommission empfahl ein Nationales Forum Energiewende; seine Einrichtung steht bis heute aus. Dieses Versäumnis nachzuholen würde auch der Verkehrswende einen unschätzbaren Impuls verleihen.


    190. Ethik-Kommission (2011), S. 11

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