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Format
Diskussionspapier
Date
4. Juni 2026

Deutschland als Leitmarkt und ­Leitanbieter für autonomen ­öffentlichen Nahverkehr

Potenziale, Hemmnisse und Handlungsoptionen für automatisierte Bahnen, fahrerlose Busse und On-Demand-Shuttles

Einleitung

Das autonome Fahren kann den öffentlichen Nahverkehr in eine neue Ära führen – umgekehrt wird die Einbindung des autonomen Fahrens in den öffentlichen Nahverkehr darüber entscheiden, wie sich diese Technologie auf das Ziel der Klimaneutralität im Verkehr auswirkt. Die Technologie hat das Potenzial, sichere und saubere Mobilität für alle leicht zugänglich zu machen und neue Märkte für die Mobilitätswirtschaft zu erschließen – oder, im Gegenteil, den Verkehr, den Energieverbrauch und die Emissionen noch weiter ansteigen zu lassen.  Die Entwicklung nimmt international Fahrt auf. Auf der Straße absolvieren Waymo (USA) und Baidu (China) wöchentlich über 800.000 autonome Fahrten (SAE-­Level 4), expandieren und kündigen den Markteintritt in Europa an. Zugleich schreitet auch die Automatisierung der Schiene voran: Neue U-Bahn-Systeme wie der Grand Paris Express oder Hamburgs U5 werden von Grund auf für den fahrerlosen Betrieb konzipiert, während Städte wie Kopenhagen ihr gesamtes S-Bahn-System für die Automatisierung umrüsten. Die Technologie funktioniert – auf der Straße wie auf der Schiene.

Die Herausforderungen unterscheiden sich jedoch nach Verkehrsträger: Auf der Straße stellt sich die Frage, wie die Technologie flächendeckend in einen gemeinwohlorientierten öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) integriert werden kann. Auf der Schiene ist die (Teil-)Automatisierung bereits etabliert – hier stehen Finanzierung und Skalierung im Vordergrund.

In Deutschland steht der ÖPNV durch Kostensteigerungen und Personalmangel stark unter Druck: Bereits heute fällt es vielerorts schwer, bestehende Angebote zu sichern – von einer flächendeckenden Verdopplung des Angebots im Sinne einer Mobilitätswende ganz zu schweigen. Automatisierung gilt als zentraler Baustein, um diese strukturellen Herausforderungen auf der Straße wie auf der Schiene zu bewältigen.

Zahlreiche Pilotprojekte haben auch in Deutschland die technische Machbarkeit bewiesen. Mit einer starken industriellen Basis, wegweisenden rechtlichen Rahmenbedingungen und dem Verständnis, autonome Systeme als integrativen Bestandteil des ÖPNV zu gestalten, hat Deutschland einen richtigen Weg eingeschlagen. Nun geht es um die systematische Überführung in den Regelbetrieb.

Es geht nicht mehr um die Frage, ob Deutschland seinen ÖPNV automatisieren wird, sondern wie. Offen bleibt, ob Deutschland in der Entwicklung vorweggeht und zu einem internationalen Leitmarkt für automatisierten ÖPNV werden kann. Antworten auf diese Fragen skizzieren wir im vorliegenden Diskussionspapier. Wir klären Begriffe und erläutern den möglichen Mehrwert für die Mobilitätswende, beschreiben Praxisbeispiele sowie die technischen und organisatorischen Herausforderungen, und wir schlagen konkrete nächste Schritte vor.

Sicher ist: Ein automatisierter Verkehr, der dem Allgemeinwohl dient und gleichzeitig wirtschaftliche Perspektiven für Unternehmen eröffnet, kommt nicht automatisch. Es braucht vorausschauende Politik, insbesondere auf der Bundesebene, die im Austausch mit Wirtschaft, Kommunen und Gesellschaft langfristig verlässliche Rahmenbedingungen einrichtet. Mit dem vorliegenden Papier möchten wir dazu beitragen, den dafür notwendigen Dialog voranzubringen.

Kernergebnisse

  1. Automatisierung ist die Voraussetzung für ein zukunftsfähiges Angebot des öffentlichen Verkehrs.

    Auf der Schiene ermöglichen fahrerlose oder hochautomatisierte Züge mehr Kapazität, Verlässlichkeit und Effizienz und können so einen entscheidenden Beitrag zum Ziel der Fahrgastverdopplung leisten. Das Potenzial der fortgeschrittenen Technik wird in Deutschland noch vergleichsweise wenig genutzt. Auf der Straße können fahrerlose On-Demand-Systeme insbesondere in ländlichen Räumen, Rand­lagen und zu nachfrageschwachen Zeiten Linienangebote ergänzen und Teil einer echten Mobilitätsgarantie werden. Zudem entstehen in Entwicklung, Betrieb und Wartung automatisierter Systeme neue Arbeitsplätze für hochqualifizierte Berufe. Veränderungen von Anforderungsprofilen sollten frühzeitig durch Qualifizierung begleitet werden. 

  2. Mit zuverlässig finanzierten Modellregionen gelingt der Übergang vom Test- zum Regelbetrieb von fahrerlosen On-Demand-Kleinbussen.

    Die Bundesregierung hat den richtigen Kurs eingeschlagen, indem sie SAE-Level-4-Fahrzeuge als ergänzenden Teil des öffentlichen Verkehrs versteht. Große Modellregionen für Stadt und Land können jetzt die notwendigen Erfahrungen im Hinblick auf die verkehrlichen Wirkungen für den Regelbetrieb liefern. Indem die ÖPNV-Branche bei der gemeinsamen Beschaffung sich auf wenige Fahrzeugmodelle einigt, kann sie eine günstigere Produktion in größerer Stückzahl anstoßen. Bundes- und Landesregierungen sollten im Rahmen einer Umsetzungsallianz Regulierung, Finanzierung und Integration in das bestehende ÖPNV-System steuern. 

  3. Noch ist die Automatisierung im öffentlichen Verkehr eine industriepolitische Chance.

    Die europäische Schienenindustrie ist technologisch stark aufgestellt – gezielte Investitionen können diese Position im globalen Wettbewerb festigen. Für die Automobilindustrie eröffnet das Segment autonomer Shuttles und Busse ein völlig neues Geschäftsfeld. Der gezielte Aufbau mehrerer europäischer Selbstfahrsysteme stärkt nicht nur die heimische Wertschöpfung, sondern auch die technologische Souveränität, die angesichts internationaler Abhängigkeiten strategisch bedeutsam ist.

  4. Der Einsatz moderner Zugsteuerungssysteme ermöglicht die künftige Automatisierung der Schiene.

    Wer heute eine Strecke saniert, entscheidet mit der Wahl des Zugsteuerungssystems auch über die Streckenkapazität der nächsten 30 Jahre. U-Bahnen, S-Bahnen und Stadtbahnen ermöglichen große Kapazitätssteigerungen. Dieser Weg sollte nicht aus kurzfristigen Sparerwägungen heraus verbaut werden. Bestehende Förderinstrumente wie das Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz (GVFG) sind für die Modernisierung der Strecken geeignet und sind weiter zu stärken.

  5. Bundesregierung und DB InfraGO sollten einen konkreten Ausbaufahrplan für die Digitalisierung der Schiene vorlegen.

    Der beschleunigte Ausbau des European Train Control System (ETCS) schafft die technische Grundlage für Automatisierung im Eisenbahnnetz. Grundsätzlich bleibt in offenen Netzen der Weg anspruchsvoller als in geschlossenen Systemen, ist aber lohnend. Vielversprechende Konzepte für schwach ausgelastete Regionalbahnstrecken bedürfen weiterer Erforschung. Ein geeigneter Rechtsrahmen für den Betrieb im Eisenbahnnetz fehlt.

Bibliographische Daten

Autor:innen
Philipp Kosok, Lennard Markus, Yannick Thoma, Johanna Wietschel
Publikationsnummer
144-2026-DE
Versionsnummer
1.0
Veröffentlichungsdatum

4. Juni 2026

Seitenzahl
46
Zitiervorschlag
Agora Verkehrswende (2026): Deutschland als Leitmarkt und ­Leitanbieter für autonomen ­öffentlichen Nahverkehr. Potenziale, Hemmnisse und Handlungsoptionen für automatisierte Bahnen, fahrerlose Busse und On-­Demand-Shuttles.

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