ÖV-Atlas 2022: Fahrplandaten zeigen ungleiche Qualität des öffentlichen Verkehrs

Agora Verkehrswende veröffentlicht aktuelle Auswertung der öffentlichen Verkehrsverbindungen für ganz Deutschland / Hälfte der Bevölkerung schlecht oder gar nicht an Bus und Bahn angebunden / Ausbau und Qualitätstandards sollten Priorität haben

Berlin, 24. August 2022. Gut die Hälfte der Deutschen ist schlecht oder gar nicht an den öffentlichen Verkehr (ÖV) angebunden. Nur rund ein Drittel hat eine gute oder sehr gute Versorgung mit Bus und Bahn. Das zeigt der aktuelle ÖV-Atlas 2022, für den der Thinktank Agora Verkehrswende die Fahrplandaten nahezu aller Verkehrsunternehmen in Deutschland ausgewertet hat. Die interaktive Karte bildet ab, wie oft ein Bus oder eine Bahn abfährt – im Verhältnis zur Fläche, zur Einwohnerzahl und gesondert nur für den Fernverkehr. Das Ergebnis zeigt große Unterschiede im ÖV-Angebot. Damit mehr Menschen Bus und Bahn dem eigenen Auto vorziehen, sind nach Einschätzung von Agora Verkehrswende vor allem viele Fahrtmöglichkeiten in der Nähe entscheidend.

Philipp Kosok, Projektleiter Öffentlicher Verkehr bei Agora Verkehrswende: „In der aktuellen Debatte ums 9-Euro-Ticket wird häufig vergessen, was für den Umstieg vom Auto auf Bus und Bahn wirklich erforderlich ist: ein umfassendes Angebot, das den Menschen flexible Mobilität ermöglicht, statt nur preiswert zu sein. Das bereitzustellen, sollte oberste Priorität der Bundes- und Landesregierungen sein – und schließt einfache und sozial faire Tarife ein.“

Baden-Württemberg, Sachsen und Saarland Spitzenreiter unter den Bundesländern

Um das Angebot des öffentlichen Verkehrs flächendeckend zu verbessern, braucht es nach Ansicht von Agora Verkehrswende bundesweite, verbindliche Ziele zum Umfang des ÖV-Angebots. Bislang hat die Bundesregierung keine solchen Angebotsstandards definiert – obwohl sie sich in ihrem Koalitionsvertrag dazu verpflichtet hat. Der ÖV-Atlas von Agora Verkehrswende macht die Qualität des Angebots auf Basis der einheitlich verfügbaren Daten messbar und bietet eine sachliche Darstellung des Status quo.

Abseits von offensichtlichen Unterschieden zwischen Stadt und Land lassen sich in der aktuellen Karte auch Städte und Gemeinden mit einer ähnlichen Siedlungsstruktur miteinander vergleichen. Diese Methode zeigt, dass in Baden-Württemberg, in Sachsen und im Saarland bereits viele Gemeinden ein überdurchschnittliches Angebot aufweisen. In Thüringen und Sachsen-Anhalt gibt es hingegen besonders großen Nachholbedarf.

„Der ÖV-Atlas offenbart, dass sich die Qualität des öffentlichen Verkehrs nicht nur zwischen Stadt und Land, sondern auch zwischen strukturell ähnlichen Regionen deutlich unterscheidet“, erklärt Maita Schade, Projektmanagerin Daten und Digitalisierung bei Agora Verkehrswende. „Die Bundesregierung sollte ihrem Ziel nachkommen, Ländern und Verkehrsunternehmen verbindliche und anspruchsvolle Standards zu setzen, sie zeitgleich aber auch mit den notwendigen Finanzmitteln auszustatten. Ein angemessener Zugang zum öffentlichen Verkehr muss zur Grundversorgung gehören, statt von der Politik und Finanzlage einzelner Länder oder Kommunen abzuhängen.“

Angebot reicht von Minutentakt bis Zwei-Stunden-Takt oder seltener

Insgesamt wurden für den ÖV-Atlas mehr als 500 Millionen Informationen zu Abfahrten aus Fahrplänen ausgewertet. In Relation zur bebauten Fläche zeigen sie, wie oft Bus oder Bahn im Durchschnitt täglich abfahren. München, Frankfurt am Main, Berlin und Bonn führen die Liste mit über 1.500 Fahrten pro Tag und Quadratkilometer an. Das heißt, dass dort im Umkreis von 500 Metern etwa einmal pro Minute ein Bus oder eine Bahn abfährt. Auch einige kleinere Großstädte wie Heidelberg (1.469 Fahrten) und Offenbach am Main (1.387 Fahrten) können mit den Metropolen mithalten.

Für insgesamt 30 Prozent der Menschen in Deutschland fährt in den Hauptverkehrszeiten durchschnittlich mindestens alle 15 Minuten ein Bus oder eine Bahn an den umliegenden Haltestellen ab, was Agora Verkehrswende als gute Versorgung wertet. Für 52 Prozent der Bevölkerung fahren öffentliche Verkehrsmittel jedoch maximal im Stundentakt – für 17 Prozent sogar seltener als alle zwei Stunden. Für diese 14 Millionen Menschen sei der öffentliche Verkehr bislang keine Alternative zum privaten Pkw, so der Thinktank.

Klimaneutralität nur mit wachsendem öffentlichen Verkehr

Für einen klimaneutralen Verkehr spielt der Ausbau des öffentlichen Vekehrs eine wesentliche Rolle. Für das Ziel der Klimaneutralität in Deutschland bis 2045 reicht es nach Berechnungen von Agora Verkehrswende nicht aus, den Autoverkehr auf elektrische Antriebe umzustellen. Mindestens ein Drittel des heutigen Straßenverkehrs müsse zusätzlich auf energieeffizientere, öffentliche Verkehrsmittel verlagert werden. Das heißt, dass die Nutzung des öffentlichen Verkehrs bis 2030 mindestens um 60 Prozent gegenüber dem Niveau vor Beginn der Corona-Pandemie zunehmen sollte. Bis zur Mitte des Jahrhunderts müsste sich die mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegte Kilometerzahl verdoppeln.

ÖV-Atlas 2022

Der interaktive ÖV-Atlas Deutschland ist, zusammen mit einer begleitenden Auswertung und Infografiken, kostenlos online verfügbar unter www.agora-verkehrswende.de/oev-atlas/. Je dunkler die Farbe auf den Karten, desto höher die Fahrtendichte und desto besser das Angebot im öffentlichen Verkehr. Damit die Angaben nicht durch Wälder, Ackerflächen oder Seen verzerrt werden, wurden alle Fahrten innerhalb einer Gemeinde auf deren Siedlungs- und Verkehrsfläche umgelegt. Die Einheit „Fahrten pro Quadratkilometer und Tag“ bezieht sich also auf die bebaute Fläche.

Eine erste Ausgabe des ÖV-Atlas veröffentlichte Agora im Dezember mit den Fahrplandaten des Jahres 2021. Die aktuelle Auswertung der Fahrplandaten von 2022 geben ein umfassenderes Ergebnis, da inzwischen mehr Verkehrsunternehmen Daten zur Verfügung stellen. Diese Entwicklung, auch angeregt durch den ÖV-Atlas, sieht Agora Verkehrswende als gute Grundlage für die weitere Nutzung digtaler Daten für die Mobilitätswende.

Über Agora Verkehrswende

Agora Verkehrswende ist ein Thinktank für klimaneutrale Mobilität mit Sitz in Berlin. Im Dialog mit Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft setzt sich die überparteiliche und gemeinnützige Organisation dafür ein, die Treibhausgasemissionen im Verkehrssektor auf null zu senken. Dafür entwickelt das Team wissenschaftlich fundierte Analysen, Strategien und Lösungsvorschläge. Initiiert wurde Agora Verkehrswende Anfang 2016 von der Stiftung Mercator und der European Climate Foundation. Gesellschafter sind die beiden Stiftungen. www.agora-verkehrswende.de

 

 

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